Pablo und der Drachen oder wie ich Kiten lernte

15. – 19. Mai 2017 | Préa | BRASIL

Endlich kann ich mich mal im Kitesurfen versuchen! Etwas aufgeregt bin ich am Morgen des ersten Kurstages schon. Nora kommt heute mit zum Schulungsort, welcher 10 km westlich von Jericoacoara liegt. Das Geländefahrzeug, welches uns hinbringt, befördert auch die in Jeri wohnhaften Angestellten der Kite-Schule «Rancho do Kite» nach Preá. Die Kite-Schule ist dem sehr noblen Hotelkomplex Rancho do Peixe angeschlossen, wo auf weitläufigem Gelände komfortabel aussehende Bungalows mit Meerblick und privater Terrasse verteilt sind.

Kurz nach Ankunft lerne ich meinen Instruktor Wandeson kennen, der mich den ganzen Kurs über begleiten wird. Die Kite-Kurse im Rancho de Kite sind zwar einiges teurer als bei anderen Anbietern, dafür erhält man aber Privatunterricht auf Englisch und bestes Equipment.

Der Wind hat seit unserer Ankunft stetig zugenommen und hat eine für den Kurs optimale 45° auflandige Richtung. Schnell hat Wandeson mich mit Gurtzeug, Schwimmweste und Helm mitsamt Funkgerät ausgerüstet und den passenden Kite bereitgemacht. Wir wechseln auf den breiten, flachen Strand vor der Schule, der für die Schüler reserviert ist. Nachdem der Kite gestartet ist, darf ich ihn von Wandeson übernehmen und erstmals lenken. Mittels der Lenkstange (Bar) kann der Kite nach links und rechts bewegt werden und wenn man die Bar zum Körper hingezogen wird, verstärkt sich die Ablenkung des Windes, was zu einer erhöhten Zugkraft führt. Die resultierende Kraft ist überwältigend und man fühlt sich sogleich Eins mit Wind und Wetter.

Die ersten Stunden vergehen im Flug: Nach Trockenübungen an Land und einer Auffrischung der Grundtheorie, die ich schon vom Snowkiten her kenne (wie Windfenster, bei 12 Uhr ist der Kite über meinem Kopf, bei 9 Uhr und Rückenwind zu meiner Linken und 3 Uhr zu meiner Rechten) geht’s weiter mit Bodydrag, wobei ich, noch ohne Brett, vom Kite gezogen durchs Wasser pflüge. Unglaublich wie Kraftvoll der Kite zieht, sogar Wandeson kann sich an meinem Gurt festhaltend mitziehen lassen. Der Nachteil der Übung ist, dass es ohne ein Wakeboard unter den Füssen nur windabwärts gehen kann. Also muss ich immer wieder an Land, zusammen mit dem fliegenden Kite, Windaufwärts zum Startpunkt gehen. Wenn der Kite auf gleicher Windhöhe wie man selbst ist und knapp über dem Boden gehalten wird, hat er praktisch keine Zugkraft mehr. Zudem kann er gut kontrolliert werden und erlaubt mir somit gegen den Wind den Strand entlang zu rennen. Nach einigen Wiederholungen bin ich aber doch entkräftet und den Rest des Nachmittags chille ich es mit Nora im Resort, wo wir den Pool und die Liegestühle benützen dürfen, bevor uns ein Strandbuggy wieder zurück nach Jeri bringt.

Am nächsten Tag gehe ich alleine nach Preá, wo ab nun das Wakeboarden im Vordergrund steht. Den Kite kann ich bereits gut kontrollieren, auch ohne die ganze Zeit in den Himmel zu starren. Aber das Wakeboard unter meinen Füssen ist ganz etwas Neues und Ungewohntes. Bereits meine Füsse in die Schlaufen zu bekommen und gleichzeitig mit einer Hand den Kite auf 12 Uhr über meinem Kopf zu halten, gestaltet sich viel schwieriger als gedacht. Wenn das Board dann einmal an den Füssen hängt, kann ich wieder verschnaufen. Dank Schwimmweste und Auftrieb des Boards ist es sehr gemütlich. Die weiteren Schritte müssen genau aufeinander abgestimmt ablaufen: Den Kite von 12 Uhr in einer raschen Bewegung nach 2 Uhr herunterlenken und dort in einer Acht-Form kreisen, um mich vom kräftigen Ruck aufs Board ziehen zu lassen. Weg vom Strand will es bei mir überhaupt nicht klappen: sobald ich halbwegs aufgestanden bin, liege ich schon wieder im Wasser. Bei jedem Versuch werde ich vom Wind abgetrieben und verliere sehr viel Höhe. Immer wieder muss ich Kite und Board dem Instruktor übergeben, welcher mir gegen den Wind ankreuzend das Equipment wieder zum oberen Ende des Trainingsabschnitts bringt, damit ich Kraft sparen kann. Kitesurfen ist wohl doch schwieriger als gedacht…

Als ich endlich mal ein wenig Abstand vom Ufer habe, teilt mir der Instruktor per Funk mit, ich solle nun die Gegenrichtung, also nach Links, probieren. Ich lasse den Kite nach 10 Uhr runtersausen und bei der darauffolgenden Acht zieht es mich sauber aufs Board und ich gleite problemlos übers Wasser. Was für ein tolles Gefühl. Aber die Freude währt nur kurz, das Ufer naht und ich muss schon wieder abbremsen. Mir ist klar, dass ich voll auf meine Snowboard-Kenntnisse zurückgreifen kann beim Wakeboarden, aber nur in eine Richtung, die die auch beim boarden ‘vorwärts’ ist. Von jetzt konzentriere ich mich darauf, möglichst schnell zu lernen vom Ufer weg zu kommen, um danach die Rückfahrt zu geniessen. 🙂 Die Ermüdung lässt aber nicht lange auf sich warten und die Bemühungen mein verlorenes Board wieder zurückzuholen, beenden das Training dann endgültig. Wenn sich das Wakeboard einmal hinter einem (windaufwärts) befindet, bringt, wenn man Glück hat, ein anderer Kitesurfer das Brett zu einem oder man versucht es selbst zurückzuholen. Dazu legt man sich flach aufs Wasser und senkt den Kite auf 9 resp. 3 Uhr in Richtung des Brettes und nutzt das bisschen Zugkraft, bei freiem ausgestreckten Arm als Ruder, um gegen den Wind aufzukreuzen. Dabei schluckt man die ganze Zeit Wasser, da man den Kopf in die Wellen hält. Es ist nicht unbedingt nötig viel an Höhe zu gewinnen, denn das Board wird ebenfalls durch den Wind abgetrieben, aber die Höhe halten muss man schon können.

Am dritten Kurstag versuche ich mich voll und ganz auf meine schwächere Fahr-Richtung zu konzentrieren und werde mit Fortschritten belohnt. Ich fühle mich zwar immer noch sehr unsicher, trotzdem spornt mich Wandeson immer wieder über Funk an, mehr Geschwindigkeit aufzubauen. Das bewährt sich mit der Zeit, denn bald kann ich kurze Wind-Aussetzer mit meinem Schwung überbrücken und falle nicht jedes Mal zurück ins Wasser. Die Distanzen, die ich am Stück fahre, werden schnell länger und Wandeson  stellt mich vor die nächste Herausforderung: Wechseln der Fahrtrichtung im Stehen. Bis anhin liess ich mich bei jedem Wenden wieder ins Wasser sinken, was mich jedes Mal einiges an Höhe verlieren liess, bis ich wieder fahrend auf dem Brett stand.

Das Wenden läuft in der Theorie so ab: Bei schneller Fahrt dreht man sich mitsamt dem Brett um 180°, erst dann lenkt man kontrolliert den Kite auf die andere Seite und nutz die eigene kinetische Energie, um eine dem Kite folgende Kurve zu ziehen, bis der Kite seine Zugkraft wieder aufgebaut hat. Schwierig zu beschreiben, noch schwieriger zu lernen, aber wenn es das erste Mal klappt, ergibt sich ein super Glücksgefühl. Während der Kite wendet, nimmt der Zug etwas ab und für kurze Zeit fährt man «Downwind», für viele Kiter das schönste an dieser Sportart, da es mit keiner grösseren Anstrengung einhergeht und sich wie Tiefschneefahren anfühlt. Auch hier in der Region werden «Downwind»-Touren angeboten, bei denen die Kiter sogar mehrere Tage mit dem Wind der Küste folgen, um dann aufgesammelt und wieder zurückgefahren zu werden.

Doch zurück zu meinem ersten erfolgreichen Wendemanöver. Auch hier gibt es für mich wieder eine einfachere und eine schwierigere Richtung. Von der mir immer noch unangenehmen Rechts-Fahrtrichtung nach Links zu drehen, ist deutlich einfacher als andersrum. Aber ich mache Fortschritte und am Ende des Trainings fahre ich bereits im Slalom der Küste entlang.

Am folgenden Tag kommt Nora auch wieder mit nach Preá. Sie macht es sich mit einer gefrohrenen Limonade in einer grossen, gepolsterten Schilfschaukel gemütlich und bei mir geht der Kurs weiter. Als erste Übung lerne ich nun das Self-Rescue-Verfahren. In Kurzform läuft das so ab: Nachdem der Kiter sich von seinem Kite aus einer Notsituation heraus ablösen musste, ist er immer noch über eine Leine mit dem Kite verbunden. An dieser zieht man sich zum Kite hin, immer mit dem Augenmerk darauf, sich nicht zu verheddern. Noch vor dem Kite erreicht man die Bar, auf welche man die Verbindungs-Leine aufwickelt. Danach wickelt man auch die restlichen von der Bar zum Kite verlaufenden Leinen auf, während man sich weiter zum Kite vorbewegt. Beim Kite angelangt sichert man die Leinen vor dem Auswickeln, dreht den Kite mit der Front zur Windrichtung auf den Rücken und lässt minim Luft vom Frontschlauch ab. Danach begibt man sich an das vom Strand entfernte Ende des Kites und zieht an der zweitäussersten Leine der gegenüberliegen Seite den Kite zu einem liegenden U zusammen. Diese Form ermöglicht es, denn Wind etwas abzulenken und die resultierende Kraft bringt einen, wenn auch nur langsam und mit viel Höhenverlust, zurück ans Ufer. Nach einem Durchlauf habe ich das Prinzip verstanden und darf nun weiter weg vom Ufer fahren.

Nun geht es darum, meine Haltung beim Fahren so zu optimieren, dass ich mich so fest es geht gegen den Wind stemme und so etwas an Höhe gewinnen kann. Das klappt erstaunlich bald, jedoch verliere ich die gesammelte Höhe bei jedem Wendemanöver sofort wieder. Die Lösung ist, zwischen den Drehungen, längere Strecken zu fahren. Durch den mit 45° zum Ufer einfallenden Wind habe ich beim Entfernen vom Ufer das Gefühl, keine Höhe zu gewinnen, da ich mich fast senkrecht vom Ufer entferne. Nach einer Drehung hole ich dann aber viel raus, denn ich bewege mich mit fast 45° zum Ufer gegen den Wind. Endlich kann ich dem Wind die Stirn bieten!

Der nächste Tag ist bereits der 5te und letzte Tag meines Kurses. Es gilt nur noch eine Hürde zu nehmen für den erfolgreichen Abschluss des Zertifikats: Das Rückwärtsfahren, auch «Toeside» genannt, da man mit der Zehenspitzen-Seite des Boards durchs Wasser pflügt, während der Kite einem unangenehm im Rücken hängt. Es entspricht dem Fahrstil kurz vor dem Drehen des Kites bei einem Wendemanöver, doch nun soll ich diese Position über längere Distanzen innehalten. Zuerst muss in normaler Fahr-Position Geschwindigkeit aufgebaut werden, um danach eine 180° Drehung zu vollziehen. Die ersten Versuche enden alsbald im Wasser, denn den Kite in dieser Position noch so zu steuern, dass überhaupt genügend Zugkraft ansteht, ist sehr ungewohnt. Wegen der verdrehten Haltung muss der Kite mit nur einer Hand hinter dem Rücken auf Kurs gehalten werden. Nach einigen weiteren Versuchen klappt es aber und ich kann die nötige Geschwindigkeit aufrechterhalten. Mit bestehen dieser Übung habe ich nun alle nötigen Punkte zum Erreichen des IKO3-Niveaus der International Kite Organisation erlernt, was es mir weltweit ermöglichen soll Equipment zu mieten.


Die 12 Stunden Kite-Kurs haben mir sehr gut gefallen und ich werde in Zukunft hoffentlich noch viele Male von einem Schirm übers Wasser gezogen werden.

2 comments

  1. Yes Pablo!
    Sobald das zrug bisch, schriebe mer der wenn mer weder irgendwo ufs Wasser gönd! 🙂
    Sehr cool und au guet beschriebe.
    Gnüsseds no usgiebig!

    1. Hey Marvin, Danke für de Kommentar. Jo s Kite het mir würklich super gfalle und wär genial wenn ich mol mit euch chönt mitcho! Au dir no e gueti Zit.

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