LittleBoy – das Problemkind (Tag 188 – 208)

30. März – 19. April 2017 | Pariquera-Açu – Cananéia – São Paulo | BRASIL

Wieder auf der Autobahn, geht es zügig weiter Richtung Norden. Wir rechnen damit, heute Abend irgendwo im Süden von São Paulo am Meer zu übernachten. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, machen wir an einer Autobahnraststätte Pause und gönnen uns eine Coxinha (Krokette mit Poulet-Füllung), einer der vielen verführerischen (und leider viel zu kalorienreichen) Brasilianischen Snacks. Als ich auf der Beschleunigungsspur Anlauf hole, um in eine kleine Lücke zwischen zwei heranrauschenden Lastwagen einzufädeln, stockt plötzlich der Motor und liefert kaum mehr Kraft. Glücklicherweise befinde ich mich noch nicht zwischen den Lastwagen und komme auf dem Pannenstreifen zu Stehen. Dummerweise fuhr Pablo vor mir. Ich rufe ihn über unser Kommunikationssystem an und erwische ihn gerade noch, bevor er ausser Reichweite ist und teile ihm mit, dass ich Probleme habe. Nur was genau das Problem ist, kann ich nicht sagen.

Der Motor läuft noch. Im Stillstand bei Standgas scheint alles normal. Doch wenn ich Gas gebe, fängt im Motor etwas an zu Klopfen. Lass ich die Kupplung los, fährt das Motorrad mit wenig Gas im Schleichtempo. Gebe ich mehr Gas, ist alle Kraft weg und das Klopfen kommt wieder. Das Problem lässt sich definitiv nicht so schnell lösen, vor allem nicht auf dem Pannenstreifen, wo im Sekundentakt tonnenschwere Lastwagen an mir vorbeidonnern. Ich entscheide mich dazu, das Motorrad umzudrehen und über die Autobahnzufahrt wieder zurück zur Raststätte zu fahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal zum Geisterfahrer werde. Pablo muss jetzt halt alleine eine Runde von 20 km fahren, um wieder hierher zurückzufinden.

Im Schatten machen wir uns auf dem Raststättenparkplatz auf die Fehlersuche. Wir wechseln das Benzin gegen das beste erhältliche mit 95 Oktan aus, wir kontrollieren und tauschen die Zündkerze, wir versuchen mit unserem kleinen Multimeter zu testen, ob auf allen elektrischen Teilen noch die richtige Spannung und Widerstand vorhanden sind – kein Erfolg. Es könnte sein, dass die Düse des Vergasers verstopft ist, doch um das zu kontrollieren, brauchen wir etwas mehr Zeit. Mittlerweile ist es später Nachmittag und es ist klar, dass wir heute sicher keine grossen Distanzen mehr zurücklegen. Das nächste Hotel befindet sich in einer kleinen Ortschaft 10km von hier, dort sollte im Notfall auch ein Motorradmechaniker aufzutreiben sein. Wir hängen die zwei Motorräder mit unserem Sicherungskabel aneinander und üben das erste Mal das Einander-Abschleppen. Zu unserem eigenen Erstaunen klappt es sogar ganz gut. Nur bei den Bremsschwellen verliert das Kabel, den Zug und sobald es sich wieder strafft, geht ein Ruck durch beide Motorräder. Wird dies nicht sofort korrigiert, kann es sich zu einer sehr unangenehmen Kettenreaktion hochschaukeln. Die Lösung ist schnell gefunden, ab sofort steh ich bei einer Bremsschwelle auf die Bremse, so dass sicher nie Durchhang entstehen kann. P spürt den Widerstand, gibt dann halt etwas mehr Gas und ich steh noch mehr auf die Bremse, etc. aber wir kommen immer noch vorwärts. 🙂

Am nächsten Tag, setzen wir die Fehlersuche fort. Mittlerweile habe ich ein Video des Problems in einer DRZ-Gruppe auf Facebook gepostet, mit Bitte um Hilfe. Schnell sind erste Tipps zur Hand, meistgenannt wir der Vergaser. Also wird er ausgebaut, kontrolliert und für in Ordnung befunden. Um ganz sicher zu sein, tauschen wir die Vergaser zwischen den beiden Motorrädern aus. Das bringt auch keine Besserung, doch immerhin haben wir ihn nun endgültig als Fehlerquelle ausgeschlossen. Dann tauschen wir auch noch einfache Dinge wie CDI-Unit (en: Capacitor Discharging Ignition / de: Kondensatorentladungszündung) und Zündspule der Motorräder gegeneinander aus – erfolglos.  Die weitern Vorschläge der Interrnet-Gruppe lassen unseren Mut sinken: das Problem könnte nun auch der Kolben oder die Lichtmaschine sein. Beides wäre hier schwierig zu flicken, da Ersatzteile höchstwahrscheinlich aus den USA oder Europa eingeflogen werden müssten.

Bevor wir jedoch den ganzen Motor auseinandernehmen, beschliessen wir, dass es an der Zeit ist einen Profi beizuziehen. Die Hotelbesitzer sind so nett und fahren uns zum lokalen Mechaniker, der sich das Motorrad kurz darauf anschauen kommt. Nachdem wir ihm das Klopfen vorführen und aufzählen, was wir alles schon als Problemursache ausgeschlossen haben, meint er es könne nur die Lichtmaschine (LiMa) sein, die defekt ist. Bei der DR-Z sind die Signalspule (bei unserem Motorrad auch gleichzeitig die Ladespule für das CDI-Unit) und die Trigger-Spule, für die Ermittlung des Zündzeitpunkts, in die LiMa integriert. Eine davon funktioniert nicht mehr richtig, was dazu führt, dass der Zündfunke nicht, zu schwach oder zum falschen Zeitpunkt abgegeben wird.

Diego, der Mechaniker, nimmt Little Boy mit in seine Werkstatt um dem Problem weiter auf den Grund zu gehen. Bald ist klar, dass wir nun auch die LiMas der beiden Motorräder austauschen müssen. Das ging mit der Erfahrung von Diego relativ einfach und siehe da, LBB lässt sich mit der anderen LiMa wieder ganz normal betreiben! Das Problem soweit eingegrenzt steigt unsere Zuversicht wieder ein wenig, von hier wieder mit beiden Motorrädern weiter zu kommen. Das erste Mal auf dieser Reise sind wir so richtig froh, trotz unserer Grössenunterschiede, das gleiche Motorradmodell zu fahren. Sonst hätte sich die Problemsuche noch viel weiter ausdehnen können.

Doch was machen wir nun mit unserem Wissen? Passende LiMas sind in Brasilien nicht erhältlich und müssten erst in Japan, den USA oder Europa bestellt werden. Zu den beträchtlichen Anschaffungskosten, kommen absurd hohe Importzölle in Brasilien und unbekannte Lieferdauer von mindesten 3 Wochen. Diego schlägt vor, dass er die defekte LiMa am Montag zuerst einmal bei einem befreundeten Fachmann vorbeibringt, um sie genauer zu untersuchen. Einen Tag später bestätigt dieser, dass die Signal-Spule defekt sei. Als Alternative zur Bestellung eines Ersatzes schlägt er vor die LiMa neu zu Wickeln. Er brauche fünf Arbeitstage, da er noch den richtigen Kupferdraht organisieren muss. Für uns ist diese Zwangspause nach den letzten stressigen Tagen voll Unsicherheit sogar willkommen und wir beschliessen für ein paar Tage ans Meer zu fahren.

Wir machen einen Ausflug ins 50 km entfernte Cananéia, von wo man mit einer Fähre auf die Sandinsel Ilha Comprida übersetzen kann. Leider spielt das Wetter nicht so mit, und wir verbringen die meiste Zeit im Hotel und widmen uns unserer Webseite und dem Erkunden der örtlichen Restaurants. Für den Rückweg wurde uns von Diego empfohlen, dem Strand der Insel 50 km bis zur nächsten Ortschaft im Norden zu folgen und von dort auf einer geteerten Strasse nach Pariquera-Açu zurück zu kehren.

Dank dem vielen Regen der letzten Tage ist der Sand schön feucht und die Fahrt war auch zu zweit auf einem Motorrad einfach. Es gefiel uns sehr gut so nah an der Brandung über den Sand zu gleiten, die Strecke erschien uns endlos lange. Nur ab und zu müssen wir ein paar kleine Bäche durchfahren (die zum Glück nicht salzig sind). Das Wetter bleibt wechselhaft. Nachdem wir auf der Fahrt in eine Regenfront kommen, ist es kurz darauf warm und sonnig genug, um in die Badehosen zu wechseln und das erste Mal seit langem wiedermal das Badetuch am Strand auszubreiten. Fröhlich treten wir den Rückweg an und freuen uns darauf, morgen die neu gewickelte LiMa wieder einbauen und unsere Reise fortsetzen zu können.

Hoch die Beine!
Bei Ebbe führt sogar eine reguläre Busroute dem Strand entlang

Am Montagmorgen statten wir Diego wiedermal einen Besuch ab um uns nach dem Fortschritt zu erkundigen. Er hat schlechte Neuigkeiten, die LiMa ist frühestens am Mittwoch fertig. Also müssen wir noch zwei Tage um die Ohren schlagen. Wir hoffen inständig, dass die LiMa tatsächlich Mittwochs fertig ist, denn bald naht das Osterwochenende.

Um in Brasilien ein SIM Karte fürs Mobiltelefon kaufen zu können, was wir wegen dem langen Aufenthalt als Sinnvoll erachteten, muss der Käufer seine CPF-Nummer (Cadastro de Pessoas Físicas / de: Steuernummer) vorweisen können. So eine CPF-Nummer kann man auch als Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung bekommen, wenn man sich auf dem entsprechenden Amt registrieren lässt. Die nächste Steuerbehörde war in Registro, wo wir am Dienstag hinfahren und nach 10 Minuten schon die Nummer in den Händen halten. Diese wird sogleich für den Kauf einer SIM Karte verwendet. Mit was wir nicht gerechnet haben, ist, dass die Mobiltelefon-Gebühren hier fast so teuer sind wie in der Schweiz. Zudem verfällt das Guthaben je nach Höhe nach maximal einem Monat, so dass es sich fast nicht lohnt, die SIM-Karte überhaupt aufzuladen. Aber wir haben wieder einen Tag Warten mehr oder weniger sinnvoll rumgekriegt und etwas über Brasilien gelernt.

Mittwoch gehen wir wieder bei Diego vorbei um nach dem Stand der LiMa zu fragen, den 5-minütigen Spaziergang könnten wir mittlerweile blind ablaufen. Sein Telefonat mit dem Fachmann ergibt, dass bei der LiMa auch noch der «Nucleo», der Ferritkern, kaputt sei und ein neuer bestellt werden musste. Wir stellen uns darauf ein, dass wir auch Ostern noch abwarten müssen, bevor wir unsere Reise fortsetzen können. Nur, was wollen wir bis nächste Woche machen? Pariquera-Açu ist eine hübsche, kleine Ortschaft mit erstaunlich guten Restaurants und unglaublich freundlichen Menschen. Dennoch fällt uns hier langsam, aber sicher die Decke auf den Kopf. Die Wettervorhersage ist nicht so toll und wir haben keine Lust mehr auf Strand im Regen. Aber São Paulo ist ja nur 250km entfernt und in dieser Riesenstadt gehen uns die Beschäftigungsmöglichkeiten auch an einem Feiertag sicher nicht aus! Schnell ist ein günstiges, zentrales Hotel mit Parkplatz gefunden, das Notwendigste gepackt, die restlichen Sachen im Abstellraum des Hotels verstaut und wir sind auf dem Weg in die Grossstadt.

Aussicht über den Parque Ibirapuera vom Dach des Museu de Arte Contemporânea

Über die nächsten Tage wird unser angestautes Bedürfnis nach Abwechslung gründlich abgebaut: Museumsbesuche, ausgedehnte Spaziergänge, exotische Restaurants, ungewohntes U-Bahn- und Busfahren, Shoppen (Motorradzubehör – what else?), unbefriedigender Coiffeurtermin, schicke Bars und erfolglose Behördengänge (Visumsverlängerung) füllen unsere Tage, welche viel zu schnell vergehen. Wieder einmal gestehen wir uns ein, dass wir, bei aller Liebe zu weiten, menschenleeren, natürlichen Landschaften, grosse Städte lieben (sobald wir das Motorrad sicher verstaut haben). Nur in Grossstädten kommt es vor, dass wir einander bestätigen, dass wir uns vorstellen könnten, hier zu leben.

Auch grosse Katzen mögen Streicheleinheiten

Am Mittwoch nach Ostern machen wir uns auf den Rückweg. Diego hat uns schon informiert, dass die geflickte LiMa bei ihm eingetroffen ist, und dass LBB wieder ganz ohne Macken läuft. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns das letzte Mal von Pariquera-Açu, denn es geht, nach fast 3 Wochen, endlich weiter!

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