Im Eilschritt durch Paraguay (Tag 168 – 176)

10.-18. März 2017 | Filadelfia – Altos – Ciudad del Este | PARAGUAY

Obwohl wir eigentlich genug hatten von den langen Etappen der letzten Tage, entscheiden wir uns beim Frühstücken, doch gleich wieder weiter zu fahren – wir wollen jetzt endlich an die Küste Brasiliens. Die letzten hundert Kilometer in Bolivien werden, bis auf 20 mühsame Kilometer mit losem und tief gefurchtem Flusskies, zügig zurückgelegt. So nahe an der Grenze begegnen uns nur noch wenige Fahrzeuge, und als wir dann endlich an die Grenze gelangen, wissen wir auch wieso: diese ist für 2 Stunden geschlossen, da alle Beamten gleichzeitig beim Mittagessen sind. Freundlicherweise unterbricht einer der Beamten für uns seine Pause und wir können die Ausreiseformalitäten unerwartet rasch hinter uns bringen. Der Paraguayische Grenzposten hat zum Glück keine allgemeine Mittagspause. Der anwesende Zollbeamte nimmt jedoch alles sehr genau und überträgt fast alle Daten unsere Fahrzeugausweise von Hand in sein Formular, inklusive Anschrift des Strassenverkehrsamts. Beim herumlungernden Geldwechsler werden wir die letzten Bolivianos los und nach insgesamt einer Stunde geht es endlich weiter in die Weiten des Chacos. Der Gran Chaco ist eine Region die den Norden Argentiniens, den Südosten Boliviens und fast ganz Paraguay umfasst. Die Gegend ist semi-arid und heiss und wird von Trockenwäldern und Dornbuschsavanne geprägt. Die Unwirtlichkeit hält die Populationsdichte sehr gering – nur die indigene Bevölkerung und ein paar Abgeschiedenheit-suchende und auf Milch- und Fleischwirtschaft spezialisierte Mennoniten-Siedlungen halten es in dieser Wildnis aus.

Auf dem Trans-Chaco-Highway Richtung Osten

Die Strassen hier sind alle sehr geradlinig und die eintönige Landschaft macht das Motorradfahren auch nicht gerade spannender. Die Büsche und Sträucher, welche bis wenige Meter an die Fahrbahn reichen, verdecken alles dahinter Liegende und lassen die Fahrt sehr monoton werden. Doch immer mal wieder wird man abrupt aus der Trance gerissen, denn etappenweise ist der Asphalt kaum oder überhaupt nicht mehr vorhanden und staubgefüllte, motorradschluckende Schlaglöcher tun sich auf. Diese schlechten Stellen erkennt man erst sehr spät und wir sind froh, laufen unsere Motoräder nicht mehr als 100 km/h. Dieser Wechsel von einschläfernder Monotonie und holprigen Weckphasen wiederholt sich laufend auf den nächsten 300 km.

Erst nach dem Eindunkeln erreichen wir die im Jahr 1930 von Mennoniten gegründete Stadt Filadelfia. Nachdem wir uns bei mehreren Hotels nach den Zimmerpreisen erkundigt habe, die alle recht hoch waren, entscheiden wir uns für das nach bolivianischem Standard mit US$ 46 mega teuren Hotel Florida. Dafür ist das Bett aber extrem bequem und wir müssen uns richtiggehend zwingen noch was essen zu gehen. Im Hotelrestaurant machen wir Bekanntschaft mit dem Einheimischen Viktor, welcher uns bei Speis und Trank, auf Deutsch (die Mennoniten im Chaco sprechen untereinander Plattdeutsch und lernen in der Schule Hochdeutsch), vom langen Leidensweg der Mennoniten erzählt. Doch als er dann die Inbesitznahme und Bewirtschaftung des Landes durch die Mennoniten damit rechtfertigt, dass die indigene Bevölkerung Paraguays, die Guaraní, sowieso nichts Gescheites damit anzufangen gewusst hätten, verabschieden wir uns langsam und gehen nachdenklich zu Bett. Obwohl das Zusammenleben von Guaraní und Mennoniten gut funktioniert, bestehen offensichtlich noch Vorurteile gegenüber einer ursprünglichen Lebensweise mit extensiver Landnutzung.
Trotz dem seit langem wieder einmal sehr guten Bett und grosszügigen Frühstück, packen wir am nächsten Morgen unsere Sachen und ziehen weiter. Die Strassenverhältnisse sind gleichbleibend zum letzten Tag, die schlechten Abschnitte werden jedoch seltener. Zudem hat es nun streckenweise keine Büsche am Strassenrand und man sieht die riesige Weidelandschaften, die sich dahinter verbergen. Auch heute ist es unerträglich trocken und heiss bei fast 40°C und kaum Schatten und wir halten unsere Pausen sehr kurz, da der Fahrtwind doch noch ein wenig Abkühlung bringt. Ansonsten gibt auch dieser Fahrtag nicht viel her und wir erreichen am späten Nachmitttag Asunción, die Hauptstadt Paraguays.

Bereits im Hotel Florida in Filadelfia hatte Nora einen Flyer des Campingplatzes Hasta la Pasta entdeckt, welcher von einem Deutsch-Schweizer Paar geführt wird, welche auch eigene Pasta herstellen – gute Gründe dort ein paar Ruhetage zu verbringen. Bei der Abzweigung auf eine Naturstrasse, die direkt zum Camping führen sollte, fällt uns ein riesiger MAN Lastwagen auf – mit Campingaufbau und Schwyzer Kennzeichen. Das bestätigte wieder einmal die landläufige Meinung, dass Schweizer immer mit den grössten Campern unterwegs seien. Nach einem kurzen Gespräch war klar, dass sie das gleiche Ziel wie wir haben und nur noch schnell die letzten Einkäufe erledigen – mit so einem dreiachsigen Megacamper würde es schwierig werden, später mal rasch was einkaufen zu gehen.
Beim Camping werden wir sehr freundlich von Marion und René begrüsst, welche hier seit gut 10 Jahren leben und, neben ein paar Bungalows, eine wirklich schöne Campinganlage geschaffen haben. Wir melden schon mal die Ankunft des Megacampers an und werden beruhigt, dass hier bereits einige Grossraumer gelandet seien. Kurze Zeit später – Nora und ich sitzen gerade beim offerierten Willkommensbier – kommen die Schwyzer ebenfalls an. Marion und René sind nun doch auch überrascht über die Ausmasse des Gefährts. Die Einfahrt ist aber zum Glück gross genug ausgelegt, so dass der Lastwagen beim zweiten Anlauf die steile Auffahrt überwinden kann und den Stellplatz problemlos erreicht.
Nora und ich beschliessen, wegen angenehm warmer Abendluft, unsere allererste Nacht in der Moskito-Hängematte zu verbringen. Diese Hängematten haben als Mücken-Schutz ein angenähtes Netz, welches sich mittels einer weiteren Schnur über der eigentlichen Hängematte spannen lässt. Zum Besteigen der Hängematte kann eine Seite mittels Reissverschluss geöffnet werden. Ein kompletter Schutz ist dieses Netz aber leider nicht. Die cleveren Mücken finden jede Stelle, wo Haut das Netz oder die Hängematte direkt berührt und stechen dort erbarmungslos hindurch. So ist zwingend ein Schlafsack als Unterlage notwendig, auch wenn man diesen wegen den warmen Aussentemperaturen lieber weglassen würde. Doch auch mit Schlafsack besteht immer noch das Risiko durch das Mückennetz ins Knie, den Ellenbogen oder andere Körperteile gestochen zu werden, welche man im Schlaf achtlos über den Rand des sicheren Schlafsacks streckt.
Am nächsten Tag war für den Nachmittag Regen gemeldet, deshalb bauen wir das Zelt nun doch noch auf, wenn auch nur zur trockenen Unterbringung des Gepäcks. Uns gefällt die offene Atmosphäre und das Gefühl mitten in der Natur zu hängen so gut, dass auch die Stiche der nächsten Nächte uns nicht ins Zelt treiben können.

Hinten rechts der besagte Riesen-Camper

Hasta la Pasta ist sehr bekannt und beliebt unter deutschsprachigen Overlandern

Auf diesem Camping können wir uns richtig gut erholen von den langen Etappen der letzten Tage. Ein Highlight waren die hausgemachten Teigwaren, für welche René in ganz Paraguay bekannt ist. René hält dafür seine eigenen Legehennen und kann so Bio-Teigwaren verkaufen, wenn auch ohne Zertifikat. Uns haben speziell seine feurigen Chili-Nudeln geschmeckt, es gibt aber noch viele weiteren Sorten.
Die vielen Kilometer der letzten Tage (insgesamt 2’400 km in 6 Tagen!) zeigen ihre Wirkung und wir verbringen vier herrlich faule Tage, bevor wir uns wieder aufraffen können. Für das Packen der Motorräder lassen wir uns viel Zeit und erst gegen Mittag sind wir bereit für die Weiterfahrt. Auch die Motorräder wollen nicht so richtig weg und lassen sich nur schwer dazu überreden anzuspringen. Die anschliessende Fahrt fühlt sich anstrengender an, als sie eigentlich sein sollte und Noras LBB macht sich mit vielen Fehlzündungen bemerkbar – vorzugsweise beim Abbremsen vor Polizei-Checkpoints, was zu viel Köpfedrehen, aber keinem Herauswinken führt.
Dank iOverlander wissen wir von einer Schweizer Käserei, bei welcher wir uns mit Gruyère und Tilsiter eindecken. Leider nur zwei kleine Stücke, da eine Käsegerechte Kühlhaltung nicht möglich und die Preise doch recht stolz sind. Da es bereits langsam Abend wird und sich ganz in der Nähe ein Campingplatz an einem Stausee befindet, kaufen wir weiteren Proviant ein und fahren hin. Dieser «Zeltplatz» ist etwas abgelegen und nur über eine Naturstrasse zu erreichen und stellt sich als Wochenend-Vergnügungsort für den örtlichen japanischen Kulturverein heraus. Da wir unter der Woche ankommen, sind wir, bis auf drei Hobbyfischer, die einzigen Gäste und würden die Nacht sogar ganz alleine verbringen. Wir rechnen mit einer ruhigen Nacht und zeitiger Abfahrt am nächsten Tag – es kam jedoch alles anders.


In der Nacht zieht ein Sturm über uns hinweg und wegen flatterndem Zelt und heftigen Regenschauern schrecken wir immer wieder aus dem Schlaf. Auch am nächsten Tag regnet es immer wieder und als der Besitzer mit seinem 4×4 Jeep, von unten bis oben verschlammt, auf dem Camping ankommt, wissen wir, dass eine Weiterfahrt heute unter diesen Umständen unmöglich ist. Im Gespräch mit dem Besitzer bestätigen sich unsere Befürchtung und sowieso sei unklar, ob die Strasse am nächsten Tag bereits genügend abgetrocknet ist, für die sichere Befahrung mit unseren vollgepackten Motorrädern. Zum Glück hat der kleine Imbiss trotz miesem Wetter geöffnet und wir decken uns mit Trinkwasser, Bier und ein paar Eiern ein – mit so einem langen Aufenthalt haben wir bei unserem Einkauf gestern nicht gerechnet.
Den Tag verbringen wir mehrheitlich im Zelt, um Schlaf nachzuholen und zu lesen. Der Regen lässt gegen Abend nach und die Nacht bleibt ganz trocken, also packen wir am nächsten Morgen langsam unsere Sachen zusammen. Da das erste ankommende Auto noch ziemlich viel Dreck um die Reifen gewickelt hat, warten wir aber noch ein wenig mit der Abfahrt, um der Strasse Zeit zum Abtrocknen zu geben. Als dann Arbeiter mit Motorrädern ankommen, probieren auch wir unser Glück. Der schwierigste Teil war dann die Zufahrt vom Camping zur Naturstrasse, da die Erde immer noch mit Wasser vollgesogen war und die Reifen unserer schwer beladenen Motorräder schnell durchdrehten. Einmal auf der Naturstrasse angekommen wurde es einfacher, da es abgetrocknete Spuren gab von den Autos und Lastwagen der letzten Stunden. Wir schaffen es ohne Zwischenfälle zurück auf die geteerte Hauptstrasse.
Paraguay und Brasilien haben seit dem Jahr 1982 ein gemeinsames Wasserkraftwerk, welches bis heute die Weltweit höchste Jahresenergieproduktion (2013: 98.63 Terawattstunden) aufweist. Der dazugehörige Staudamm staut den Fluss Paraná zu einem See von der doppelten Fläche des Bodensees auf. Für den Bau mussten etwa 40’000 Menschen umgesiedelt werden, hauptsächlich Guaranís. Als Kompensation haben die Betreiber des Wasserkraftwerks sehr grosse Naturschutzgebiete errichtet und ein Teil des Kraftwerk-Gewinns wird an die betroffenen Gemeinden ausbezahlt. Eines dieser Naturschutzgebiete auf paraguayischem Boden in der Nähe des Staudamms hat auch eine Camping-Anlage, welche unser heutiges Ziel ist.

Ausser auf dem Schild sind leider keine Nasenbären in Sicht im Reserva Tati Yupi

Nachdem wir eine 3-Tages-Bewilligung (das Maximum) für das Betreten des gut gesicherten Naturschutzgebietes im 10 km vom Eingang entfernten Naturschutz-Büro bekommen haben, lassen uns die Parkwächter passieren. Die Anlage ist ausgelegt für hunderte Gäste, doch wir sind wieder einmal die Einzigen. Kein Wunder, wenn das Erhalten der Bewilligung so kompliziert gemacht wird! Beim Zelt Aufstellen entdecken wir in einem Baum zwei Äffchen (die ersten dieser Reise!), welche genüsslich eine Avocado auffressen. Wir können uns sogar ein wenig nähern, ohne dass sie gleich Reissaus nehmen, für gute Fotos reicht es aber leider doch nicht. Zudem hat es viele Vögel hier, Spechte bauen ihre Nestlöcher aus und viele Schmetterlinge und Wespen interessieren sich für unsere Motorräder und Ausrüstung. Wir fühlen uns sehr Willkommen im Reserva Biologico Tati Yupi.

Und gleich darauf ist es wieder im Laub verschwunden…

Zum Schluss hat der Wespenschwarm glücklicherweise diese Lampe und nicht den Auspuff von Pablos Motorrad als Versammlungsort auserkoren

Eine Blattschneideameise bei der Arbeit


Da LBB seit einiger Zeit ziemlich laute Fehlzündungen hat und Luftlecks am Krümmer oder Auspuff ein mögliches Problem sein könnten, tausche ich die Auspuffe zwischen unseren Motorrädern gegeneinander aus. Damit erreiche ich eine minime Besserung: LBBs Fehlzündungen sind jetzt nur noch leise Pfupfer, nicht mehr die Explosionen von vorher. Dennoch liegt das eigentliche Problem wohl tiefer. Dem grossen Aufwand geschuldet verbleiben die Auspuffe jedoch von nun an am jeweils anderen Motorrad.
Am nächsten Tag besuchen wir das Kraftwerk Itaipu Binacional, welches gratis Führungen über die Kraftwerksanlage anbietet. Die Einführung beginnt in einem riesigen Kinosaal mit einer Vorführung über all die positiven Errungenschaften und beeindruckende technische Daten des Kraftwerks. So deckte das Wasserkraftwerk im Jahr 2013 75% des Paraguayischen und 16.9% des Brasilianischen Elektrizitätsbedarfes ab und durch nur 2 der insgesamt 20 Turbinen fliesst bei maximalem Durchfluss (je 700 m3/s) gleichviel Wasser, wie über die ganzen Iguazú-Wasserfälle zusammengefasst. Danach werden wir im klimatisierten Reisecar zu einer Aussichtsplattform chauffiert, von wo aus man einen guten Überblick über die riesigen Ausmasse der Anlage hat. Nachdem sich alle sattgesehen haben bzw. 1000 Selfies später, geht die Fahrt weiter, direkt an den gigantischen Fallrohren vorbei, welche die Wassermassen zu den Turbinen leiten und man kommt sich richtig winzig vor. Leider ohne weiteren Zwischenhalt, aber mit grandiosen Ausblicken, verläuft die weitere Fahrt auf die Brasilianische Seite des Kraftwerks. Schlussendlich werden wir über die Staumauer-Krone wieder zum Besucherzentrum gebracht.


Zurück auf dem Camping erkunden wir noch einen wenig die Anlage und besteigen den Aussichtsturm, welcher uns im vorgeführten Kraftwerks-Film vom Vormittag aufgefallen war. Die erhoffte Sichtung von weiteren Äffchen oder gar Nasenbären bleibt jedoch aus und wir geniessen den Rest des Nachmittags mit genüsslichem Nichtstun. Morgen werden wir endlich nach Brasilien einreisen!

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