Hafenstädte mit schlechtem Ruf (Tag 241 – 245)

22. – 26. Mai 2017| São Luis – Belém | BRASIL

Nach über 20’000 km wird es langsam aber sicher Zeit neue Hinterreifen aufzutreiben, denn bei beiden Motorrädern scheint zum Teil schon das Gewebe durch. Dazu machen wir halt in der grössten Stadt der Region, São Luis. Obwohl als berüchtigte Hafenstadt verschrien, hat São Luis eine sehr schöne, und UNESCO geschützte, Altstadt zu bieten, berühmt für die gefliesten Fassaden.

Alles geschmückt für die Festa Junina (Juni-Fest, verwandt mit dem Europäischen Midsommerfest)

Da der Innenstadtverkehr in praktisch jeder grösseren Stadt chaotisch ist, und wir nicht planlos rumfahren möchten, buchen wir schon zum Voraus ein paar Nächte in einem Hotel mit Parkplatz. Dieses stellt sich als zweistöckiges Gebäude heraus, dessen unteres Geschoss als Motel (südamerikanisch für Stundenhotel) verwendet wird. Nach anfänglicher Irritation wissen wir die grosszügigen Parkmöglichkeiten und den 24h-Dienst zu schätzen. Alle anstehenden Arbeiten können wir auf dem Parkplatz des Motels verrichten und ernten dafür einige erstaunte Blicke der vorbeifahrenden Gäste. Für uns ist wiederum interessant zu beobachten, wer denn so eine Örtlichkeit frequentiert, sowohl dicke Autos mit getönten Scheiben und gleich zwei Damen im Gepäck, als auch junge Paare auf Motorrollern, die zuhause wohl keine Privatsphäre finden.


Nach 3 Tagen sind beide Motorräder mit neuen Reifen bestückt und LittleBoy hat dazu noch einen neuen Kettensatz bekommen, das war auch höchste Zeit. Zudem wurde an beiden Motorrädern der Heckträger neu geschweisst. Bei den Arbeiten entdecken wir einen abgebrochenen Nagel in Pablos Schlauch, der wohl bald zu einem Platten geführt hätte. Zudem finden wir heraus, dass LittleBoy keine Abdeckung am Zündkerzenstecker hat. Bei einem gutgemeint sehr gründlichen Waschgang, wird die Zündkerze geflutet und will partout nicht mehr zünden. Natürlich haben wir genau jetzt all unser Werkzeug im Hotel gelassen. Also heisst es eine neue Abschleppmethode, die wir Diego unserem Brasilianischen Mechaniker, der uns kürzlich die Lichtmaschine geflickt hat, abgeschaut haben, auszuprobieren: Soziusfussraste runterklappen und mit dem Fuss das fahruntüchtige Motorrad nebenher schieben. Zugegeben, der dichte Werktagsverkehr ist nicht das ideale Testumfeld und doch schaffen wir es erstaunlich zügig und ohne die beiden Motorräder zu verkeilen die 5 km nach Hause, sogar eine kleine Steigung konnten wir so überwinden.

Nach getaner Arbeit heisst das nächste Ziel Belém in der Amazonas-Mündung. Von da wollen wir mit dem Schiff nach Manaus, mitten ins Herz des Amazonas fahren. In Belém fahren wir direkt ins Hafenviertel, von hier aus soll laut Fahrplan am nächsten Tag ein Fährschiff losfahren, das auch Motorräder transportiert. In diesem Viertel fühlen wir uns das erste Mal etwas mulmig. Die Gegend ist offensichtlich sehr arm, halb verfallene und doch noch bewohnte Hütten säumen die Strasse. Viele Areale sind von hohen Blechwänden umstellt, so dass man nicht sieht was dahinter liegt. Erstmals sehen wir Kinder, die entlang der Strasse Drachen steigen lassen um gegeneinander zu kämpfen. Bei diesem beliebten Spiel muss der Drachen des Gegners zu Fall gebracht werden. Findige Spieler präparieren ihre Drachenschnur mit Glasstaub um so die gegnerische Schnur einfacher zu durchtrennen. Bis vor einigen Jahren, war es gang und gäbe, dass auch vorbeifahrende Motorradfahrer ‘runtergeschnitten’ wurden, zum Sport oder um das Motorrad zu stehlen. Die Schnur hat sich dabei unter dem Helm verfangen und schwere Wunden hinterlassen, wenn sie nicht zum Tod geführt hat. Um sich zu schützen, hatten viele Motorräder lange metallene Haken am Lenker montiert, um die Schnüre vor dem Kopf abzufangen. Noch immer sieht man hin und wieder solche Haken an den Motorrädern, doch alle die wir dazu befragt haben, meinten das Risiko sei mittlerweile sehr gering.

Wir sind froh, als wir endlich das richtige Tor finden und vom Sicherheitsmann durchgelassen werden. Kurze Zeit später ist der Preis für die 5-tägige Flussfahrt ausgehandelt. Dass Schiff soll zwar erst morgen Abend losfahren, doch da es schon am Pier liegt, können wir schon an Bord und die Nacht hier verbringen. Nachdem wir unsere Hängematten aufgehängt, unser Gepäck darunter verstaut haben und auch Pablo’s Motorrad an Bord ist, verlassen wir das gut bewachte Gelände noch einmal, um mit LittleBoy Proviant und Wasser für die nächsten Tage einzukaufen. Als wir zwei Stunden später zurück sind, hat anscheinend die Ebbe eingesetzt, denn das Deck des Bootes liegt nun einen Meter unterhalb des Piers. Da wir keine Lust haben das Motorrad runter zu heben, und auch die Lademannschaft nicht dafür bezahlen wollen, stellen wir den Wecker auf 23Uhr, dann sollte das Boot wieder ebenerdig sein. Da erst wenige Passagiere an Bord sind, verläuft die erste Nacht, neben dem kleinen Unterbruch um auch LittleBoy an Bord zu holen, sehr ruhig.
Im nächsten Blog berichten wir dann wie die Flussreise verlief.

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