Dünen und Wind (Tag 229 – 240)

10. – 21. Mai 2017 | São Miguel do Gostoso – Jericoacoara – Leçóis Maranhenses | BRASIL

Nach einer Woche reissen wir uns endlich wieder von Pipa los, denn wir haben, zur Feier unseres Jahrestags, eine Reservation für ein hübsches kleines Hotel zwei Tagesreisen nördlich von hier. Wir lassen es uns aber nicht entgehen, nach dem Zusammenpacken noch ein letztes Mal die Klippe hinab zum Meer zu steigen und uns den heranbranden Wellen entgegenzuwerfen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir São Miguel do Gostoso und das Hotel, das tatsächlich so gemütlich ist, wie es auf den Fotos den Eindruck gemacht hat. Wir haben unser eigenes kleines Häuschen und in den Bäumen wimmelt es nur so von kleinen, neugierigen Äffchen. Doch die Arbeit für heute ist noch nicht ganz getan: ein Ölwechsel steht an. Bei der Tankstelle um die Ecke dürfen wir uns ans Schrauben machen mit dem Versprechen, keine Ölflecke zu hinterlassen. Wir geben unser bestes, aber ganz sauber ist diese Arbeit leider nie. Da die Tankstelle keinen Sonderabfall hat, fragen wir beim Dorf-Mechaniker, ob er uns das Altöl korrekt entsorgen könne. Zuerst meint er, wir wollen neues Öl kaufen und nachdem wir ihm mehrmals erklärt haben, dass wir unser gebrauchtes bei ihm loswerden wollen, nimmt er uns die Flaschen ab uns schmeisst sie bei sich in den normalen Abfall. Naja, wir haben’s immerhin versucht…


Am nächsten Tag machen wir einen Spaziergang zum Strand. Leider eignet er sich nicht so zum Baden, aber wegen dem konstanten Wind hat es einige Kite-Surfer zum Bestaunen, was mich endgültig motiviert endlich auch bald einen Kurs zu machen. Nach einem grossen Fisch zum Mittagessen, faulenzen wir den Rest des Tages in der Hängematte vor unserem Häuschen.


Auch am nächsten Morgen gibt’s ein prächtiges Brasilianisches Frühstück und wir fahren gut gesättigt los. Die nächsten paar Tage führen uns die Strassen durch riesige Salzgewinnungsanlagen und immer wieder Cashew-Plantagen. Den Strassen entlang türmen sich immer höhere Sanddünen auf, welche zum Teil schon über die Fahrbahn wachsen. Es hat wenig Verkehr. Am späten Abend erreichen wir Canoa Quebreda, wo wir auf einem kleinen, von einem Franzosen geführten Camping unser Zelt aufstellen. Da wir versprechen müssen, nur ganz ganz kurz an den 300 m entfernten Strand runter zu gehen, da es VIEL zu gefährlich sei im Dunkeln, bleibt es bei einem sehr kurzen Bad. So ganz können wir nicht glauben, dass es tatsächlich so gefährlich sei – neben uns ist auch noch eine Familie mit Kleinkind am Wasser – dennoch treten wir bald den Rückweg an.


Am übernächsten Tag wollen wir Jericoacoara – kurz «Jeri» – erreichen, das mitten in den Sanddünen eines ausgedehnten Nationalparks liegt. Weltweit bekannt ist Jeri für beste Verhältnisse für Wind- und Kitesurfer. In Jijoca, kurz vor dem Nationalpark, werden wir von Tourguides abgefangen und nach unseren Plänen gefragt. Als sie hören, dass wir nach Jeri wollen, versuchen sie uns das auszureden. Den Weg durch die Dünen würden wir alleine nie finden, und mit unseren Motorrädern wäre das sowieso nie zu schaffen. Wir sollen die Motorräder hierlassen und bei ihnen eine Fahrt mit 4×4 Transporter nach Jeri buchen. Das kommt für uns eigentlich nicht in Frage und vertrösten den Guide auf den Fall, dass wir unseren Versuch abbrechen müssen, da wir tatsächlich nicht mehr weiterkommen.
In einem Pulk von Jeeps und Motorrädern fahren wir in Richtung Dünen und schon bald nach der Ortschaft wechselt die Pflasterstrasse zu sandigen Naturwegen. Am Anfang sind diese noch sehr fest gedrückt, trotzdem lassen wir den Reifendruck der Motorräder vorsorglich auf ein Minimum ab. Der Untergrund wechselt dann auch bald zu tiefem, feinem Sand, welcher nur noch eine schlingernde Fahrweise zulässt. Wir folgen den Spuren der anderen Fahrzeuge und unseren Navis, welche uns direkt in eine grosse Süsswasserlagune führen. Ein Fahrer der vielen Geländewagen, die Touristen hierhin zum Baden chauffieren, kommt zu uns und erklärt, dass wir links vorbeimüssen und dann immer den Spuren folgen sollen. Nach einmal Festfahren im Sand sind wir wieder unterwegs und tatsächlich hat es eine gut sichtbare Spur, die uns nahe an der Lagune vorbeiführt.


Der nasse Sand fährt sich viel einfacher und wir kommen gut voran. Nach einigen weiteren schwierigen Stellen mit tiefem Sand und Wasserdurchfahrten, erreichen wir Jeri erstaunlich schnell. Das Sandfahr-Können wieder aufgefrischt, macht es uns nichts aus, dass in Jeri alle Strassen nur aus Sand bestehen. Dies gibt dem Ort eine sehr entspannte Atmosphäre. Auch der Verkehr ist sehr beschränkt und alle Fremdfahrzeuge müssen eigentlich auf einem Parkplatz am Ortseingang abgestellt werden. Doch dank iOverlander wissen wir, dass Campinggäste ihr Fahrzeug bis zum Stellplatz mitnehmen dürfen und reden uns so durch.


Wir sind die einzigen Campinggäste, auf einem schön schattigen und natürlich sandigen Hof eines Hotels. Das Zelt ist schnell aufgebaut und wir gehen gleich los, Jeri zu erkunden. Unter anderem schauen wir uns mit hundert Anderen den berühmten Sonnenuntergang von der Duna do Pôr do Sol (der «Sonnenuntergangs-Düne») an. Speziell ist, dass die Sonne hier im Meer untergeht, was an der Ostküste Brasiliens naturgemäss selten ist. Das zieht natürlich auch clevere Geschäftsleute an, welche ihr Wägelchen ebenfalls hier hochschieben und frische gemixte Cocktails anbieten. Wir sehen leider wenig vom Spektakel, denn der Horizont ist wolkenverhangen. Obwohl Jeri nur für Touristen aufgebaut wurde, ist die Atmosphäre sehr entspannt und uns gefällt es so gut, dass wir sicher ein paar Tage bleiben möchten: ideale Bedingungen um endlich einen Kite-Kurs zu machen! Noch am gleichen Abend buche ich einen ersten Schnuppertag bei einem Anbieter aus Préa, dem Nachbarort, der leider etwas teuer ist, dafür aber Privatunterricht auf Englisch anbietet und immer das neuste Equipment habe. Nach einem ersten Tag steht das Programm für die nächsten Tage fest: das IKO3-Zertifikat der International Kite Organization zu erreichen, das mir weltweit ermöglicht Material zu mieten und selbstständig zu kiten. Die Erlebnisse während dem Kite Kurs habe ich in einem eigenen Post zusammengefasst.


Die nächsten 5 Tage bin ich tagsüber zum Kiten in Preá und Nora kann, wenn sie mich nicht gerade begleitet und den Tag am Pool der Kiteschule verbringt, die Tage nach Herzenslust mit Faulenzen und Schaufenster-Shoppen verbringen, wozu ich meistens nicht so Lust habe. Ein paar Stunden verbringt sie auch mit einem Windsurf-Auffrischungs-Kurs am Strand von Jeri. Obwohl es wahnsinnig Spass macht und sich bald Fortschritte abzeichnen, verzichtet sie auf weitere Stunden. Unter anderem war das einzige verfügbare Anfänger-Surfbrett, eigentlich in Reparatur. An den Kanten und auf der Stehfläche stehen noch raue, nicht heruntergeschliffene Glasfasern hervor, die ihr bei jedem aufs Brett Hinaufklettern Beine, Arme und Bauch zerkratzen und zum Teil auch in der Haut stecken bleiben.
Um unsere sportlichen Erfolge zu feiern, gönnen wir uns einen äusserst starken Caipirinha und einen äusserst delikaten Hamburger, aussen knusprig und innen saftig. Einer der besten Hamburger die wir je gegessen haben, ausgenommen natürlich die selbsgemachten Vegi-Burger aus Schweizer Zeiten.


Für die Weiterfahrt wählen wir eine Strandroute, welche uns ca. 40 km der Küste entlang durch die Dünen führen soll, bis zur nächsten befestigten Strasse. Die ersten 10 km kommen wir bis auf einige 100 Meter tiefen Sand gut voran, da wir hauptsächlich auf dem von der Ebbe freigelegten, feuchten und daher festen Sand am Strand fahren. Dann wir die Küste von einem grösseren Fluss unterbrochen, über den wir mit einem kleinen Boot übersetzen müssen. Da bereits ein Auto auf diesem Bötchen steht und dieses deshalb einiges an Tiefgang aufweist, müssen Nora und ich weit ins Wasser rausfahren, um dann über eine steile, nasse Rampe auf die Plattform zu gelangen, auf der es hinter dem Auto gerade noch genug Platz hat für uns. Wir meistern die Aufgabe erstaunlich problemlos, ohne Tauchgang und ohne Kratzer am Auto zu hinterlassen.

Der nächste Fluss, den es zu überqueren gilt, ist so weitläufig und flach, dass es möglich sein sollte, die Mündung zu umfahren. Wie in einem Labyrinth gilt es den besten Weg zu finden, ohne im Sumpf oder im tiefen Wasser stecken zu bleiben. Ortsansässige kennen die beste Route blind und fahren mit entsprechenden Tempo. Jetzt gilt es immer sowohl die eigene Spur, als auch die immer weiter vorausfahrenden Motorräder und Autos im Auge zu behalten, um deren Spur folgen zu können. Nach ein-zweimal Verfahren schaffen auch wir es ans andere Ufer.

Bald darauf führt uns der Weg wieder dem Strand entlang, der durch die hereinkommende Flut immer schmaler wird. An mehreren Stellen müssen wir den Strand wegen bis ins Wasser ragenden Klippen verlassen und wieder tieferen Sand durchqueren. Diese Umwege sind sehr zeitraubend und wir sind froh gibt es den feuchten Sandstrand. Doch schlussendlich, nach insgesamt 30 km und mehreren Stunden Fahrzeit, wird das Risiko, von der Flut zwischen Gebüsch und Meer eingeklemmt zu werden, zu gross. Wir wissen, dass wir zwar bereits ¾ der Strecke geschafft haben, aber nur dank dem feuchten Sand so schnell vorangekommen sind. Auf gut Glück folgen wir der nächsten Spur ins Landesinnere. Nach einigen brackigen Pfützen, wird die Spur immer sandiger und besteht bald nur noch aus tief gefurchtem, losem Sand und das Vorwärtskommen wird in der Mittagshitze äusserst kräftezehrend.


Als wir im Schatten eines Baumes eine Verschnauf- und Trinkpause einlegen, sehen wir eine schmale Spur links vom Weg wegführen. Auf gut Glück folgen wir dieser, was sich als wahrer Glückgriff herausstellt. Die Spur wurde nur von Motorrädern befahren und besteht aus mehrheitlich festem, feuchten Sand, eine sehr willkommene Abwechslung. Es ist zwar nicht immer klar wo der Weg durchführt, aber die allgemeine Richtung scheint zu stimmen. Auf unseren Navis sehen wir, dass wir schon sehr nah am nächsten Fluss sein müssen, von wo uns ein Boot auf die andere Seite zu geteerten Strassen bringen sollte. Nach einem ersten Versuch das Flussufer zu erreichen, der uns mitten in badende Touristen führt, finden wir hinter ein paar weiteren steilen Dünen doch noch die Anlegestelle für den Fahrzeugtransport. Sowohl wir als auch die Motorräder sind völlig überhitzt und freuen uns über eine Pause, kühlen Meerwind und eine eiskalte Cola.

Ist das die letzte hohe Düne, die es zu bezwingen gilt?
Ich glaub da lang kommen wir zur Fähre…
Das Ziel in Sicht

Doch der Tag ist noch nicht zu Ende, heute Abend wollen wir Barreirinhas erreichen. Die kleine Ortschaft ist das Tor zum Parque Nacional dos Lençóis Maranhenses (Nationalpark der «Bettlaken von Maranhão») mit seinen weltberühmten weissen Dünen und klaren, leuchtendblauen Süsswasserlagunen. Die einzige Wüste Brasiliens erstreckt sich auf eine Fläche von 1550 km2, wobei sich die riesigen Wanderdünen bis zu 40 km ins Landesinnere erstrecken.
Wir haben vorerst genug Sand unter den eigenen Rädern gehabt und lassen uns am nächsten Tag mit einer grösseren Gruppe Besuchern für einen Tagesausflug in die Dünen kutschieren. So sehen wir zwar nur gerade den Rand des Dünengebiets, doch schon nach einigen hundert Metern scheint es, als erstrecken sich die Dünen in alle Himmelsrichtungen ins Unendliche.

Eigentlich sind wir ganz froh die Strecke nicht selbst fahren zu müssen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *