Auf dem Amazonas (Tag 246 – 251)

17. Mai – 01. Juni 2017 | Rio Amazonas | BRASIL

Langsam füllt sich das Schiff mit Passagieren und Fracht. Von unserem Platz in den vorderen Rängen des Oberdecks können wir, gemütlich in unseren Hängematten sitzend, das rege Kommen und Gehen mitverfolgen. Ein Lastwagen nach dem anderen fährt heran und viele Hände verstauen über mit Öl geschmierte Planken die Ladung an Notwendigkeiten für die Amazonas-Bewohner auf dem ersten Deck: Säcke voller Zwiebeln, schwere Pakete mit Reis, grosse Rollen Plastikfolie, ein ganzer Laswagen voll Sechserpack Bier (jedes einzelne geht durch mindestens 4 Paar Hände), harrassenweise Limetten und Honigmelonen, ein Stapel Särge und sogar ein Zahnarztstuhl samt Lampe. Neben unseren zwei Motorrädern werden 5 Autos und ein Mini-Kipplader zentimetergenau eingepasst.

Beste Aussichten

Eine Kiste nach der anderen verschwindet unter Deck

Die Motorräder sorgen dafür, dass uns nicht langweilig wird

Erste Bekanntschaften mit Nachbarn werden geknüpft

Auch rings um uns herum füllen sich die Plätze. Leute stecken mit ihren Hängematten 2-3 Quadratmeter Raum ab, und deponieren ihre Habseligkeiten darunter. Viele sind nach Belém zum Einkaufen gekommen und haben dementsprechend viele und grosse Taschen dabei. Fliegende Händler verkaufen Orangen, Glacé im Plastiksäckchen (zum Auslutschen), Stricke zur Befestigung der Hängematte und mehrere Meter lange USB-Kabel. Diese werden schnell von den vereinzelten Steckdosen zur eigenen Hängematte gezogen – kaum einer reist ohne Smartphone. Mich dünkt noch vor 4 Jahren, bei meiner letzten Amazonasreise, waren die noch nicht so verbreitet.

Gegen Abend ist das Schiff voll und bereit zur Abfahrt. Langsam schwenken wir in Richtung Flussmitte und nach einem letzten Blick auf die Stadt wenden auch wir uns in Fahrtrichtung und einem neuen Abenteuer zu.

Immer flussaufwärts

Die Tage auf dem Schiff verschwimmen im immer gleichen Rhythmus bald ineinander. Die meiste Zeit verbringen wir in der Hängematte, schauen auf die vorbeiziehende Landschaft, lesen oder schlafen. Ab und zu essen wir etwas von unseren mitgebrachten Vorräten oder kaufen uns einen an Bord gekochten prato feito (gemachter Teller): eine einfache, für Brasilien typische Mahlzeit, aus Hühnchen, Rindfleisch oder Fisch mit Reis und Spaghetti, etwas Salat und Farofa (geröstetes Maniokmehl). Wenn wir eine Abwechslung brauchen gehen wir auf das oberste Deck, dass ohne Dach und Aufbauten einen kompletten Rundumblick bietet und geniessen ein eiskaltes Bier.

Der Amazonas ist ein weit verzweigtes Flusssystem. Kaum einmal ist die tatsächliche Breite erfahrbar. Mal ist der Flussarm, auf dem wir fahren, fast so schmal wie das Boot, dann wieder so breit, dass man kaum das andere Ufer erahnen kann. Wir halten uns immer nah am Ufer, wo man im grünen Dickicht, mit etwas Geduld, von Zeit zu Zeit Papageien, andere Vögel oder Äffchen erspähen kann. Die Aussicht würden einige als äusserst eintönig, andere als spannend beschreiben.

Schon die Kleinsten besitzen ein eigenes Kanu

Von Zeit zu Zeit fahren wir an kleinen Siedlungen oder einzelnen Häusern vorbei, die direkt an den Flussgebaut sind. Jetzt, zur Ende der Regenzeit, ist der Wasserstand sehr hoch und die meisten Häuser stehen auf Stelzen im Wasser. Der Auslauf vieler Tiere (Hunde, Schweine, Hühner) ist für diese Zeit auf die Veranda oder den Stall beschränkt, der auch auf Stelzen steht. Nur die Enten und Wasserbüffel erfreuen sich ab und zu an einem Bad, während die Kühe und Pferde auf der Weide zum Teil knietief im Wasser stehen. In der Trockenzeit werden sich die Häuser und Weiden nach und nach auf Inseln aus dem Wasser heben. Hier ist man hauptsächlich im Boot unterwegs, schon kleine Kinder paddeln im eigenen Kanu, reiten auf den Schiffswellen oder vertäuen das Boot seitlich an unserem und klettern über die Reling an Bord um frische Crevetten zu verkaufen, eine der Haupteinnahmequellen der Amazonas-Siedler.
Zwei bis dreimal pro Tag legen wir an einer grösseren Ortschaft an um Personen und Fracht ab- und einzuladen. Wer zwischendurch aussteigen möchte, muss dies ‘im Flug’ tun: ein kleineres, im vorherein bestelltes Boot passt die Durchfahrt ab und man wechselt bei voller Fahrt mitsamt Gepäck über.

Heute im Angebot: Frische Crevetten

Nach fünf Tagen auf dem Schiff kommt Manaus in Sicht. Kurz vor der Stadt passieren wir den Encontro das Aguas, das «Treffen der Wasser»: der mehrere Kilometer lange und gut sichtbare Zusammenfluss des Rio Solimões (gelb-braun) und des Rio Negro (schwarz), deren Wasser sich wegen unterschiedlicher Eigenschaften (pH-Wert, Fliessgeschwindigkeit, Temperatur/Dichte) nur langsam vermischen. Ein eindrücklicher Anblick, der leider nur aus dem Flugzeug wirklich gut zu fotografieren ist.

Mit 8 Stunden Verspätung legen wir am späten Nachmittag am Hafen von Manaus an. Die Motorräder sind schon seit einiger Zeit komplett gepackt und wir freuen uns darauf wieder festen Boden unter den Füssen zu spüren. Kaum haben wir uns durch die gleichzeitig von Bord gehenden Passagiere hindurch geschlängelt, gehen plötzlich beide Motoren mehr oder weniger gleichzeitig aus und weigern sich wieder anzuspringen. Es scheint, dass wir doch besser in Belém noch vollgetankt hätten. Pablo macht sich auf die Suche nach Benzin, während dem ich auf die Motorräder aufpasse. Obwohl ich wegen der nahenden Dämmerung langsam nervös werde (auch Manaus’ Hafenviertel geniesst keinen guten Ruf), versuche ich optimistisch zu bleiben und vertreibe mir die Zeit mit einem Schwatz mit einem Aludosen-Sammler mit roter Plastik-Clown-Nase, der mir erklärt, dass er pro 100 g Alu (ca. 12-15 Dosen) umgerechnet etwa 20 Rappen erhält.
Nach einem langen Spaziergang kommt Pablo mit einem Kanister Benzin zurück, der unser Problem trotzdem nicht lösen kann. Scheinbar funktioniert etwas am Vergaser nicht mehr. Nachdem sich abzeichnet, dass das Problem nicht so schnell gelöst wird, schieben wir die Motorräder unter ein Dach, wo wir wenigstens etwas vor allzu neugierigen Blicken geschützt sind. Pablo erinnert sich an einen Tipp, den uns damals Christoph in Bolivien gegeben hat: durch das lange Stillstehen während der Flussreise hat sich wahrscheinlich die Schwimmernadel festgesetzt. Mehrminütiges Klopfen gegen den Vergaser mit dem Plastikgriff eines Schraubenziehers, scheint dann tatsächlich des Problems Lösung zu sein. Zögerlich erweckt der Motor des einen Motorrads wieder zum Leben. Nun die ganze Prozedur noch beim zweiten und wir rollen kurz nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Hafengelände. Die kurze Aufregung hat uns, nach tagelangem Nichtstun auf dem Schiff, so geschafft, dass wir uns auf eine Empfehlung aus iOverlander verlassen und bald darauf ein Zimmer in einem nobel aussehenden, aber gar nicht so teuren Hotel mit Tiefgarage mitten im Zentrum finden.

Die spektakuläre Kulisse entschädigt für erneute Motorradprobleme…

Endlich sind wir in der Mitte des Amazonas angekommen! Ins eigentliche Herz der Region soll es aber erst in ein paar Tagen gehen, wenn wir mit den Motorrädern versuchen, wieder aus dem Dschungel rauszufahren, über eine der berüchtigtsten Strassen Brasiliens, der BR 319.

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